Im Land der Saukostler




Man fahre durch Österreich und bewege sich durch wuchernde Siedlungen mit Einfamilienhäusern. Macht man das, so wird man feststellen müssen, dass der schlechte Geschmack endemisch ist. Sinnloses Schnörkelwerk und unendlich viel toter Raum. Man denke an Balkone, auf denen man nie einen Menschen sitzen sieht. In der bäuerlichen Architektur kam Balkonen die Funktion eines Wirtschaftsraumes zu. Hier wurde Wäsche zum Trocknen aufgehängt, wurden Zwiebeln, Bohnen und anderes zum Trocknen ausgelegt. Heute gibt es Wäschetrockner, Zwiebeln kauft man sich im Supermarkt und wer sein Haus im Grünen errichtet, braucht nur durch die Tür zu gehen, um nach frischer Luft zu schnappen. Erkern kamen lichttechnisch einmal eine wichtige Funktion zu. Welchen Sinn sollten solche in einer Zeit noch haben, in der sich Innenräume mit Sparlampen ausleuchten lassen, ganz zu schweigen von Balustraden, mit denen Stiegen und Balkone behübscht werden. Wir haben es mit Geschmack, nicht mit Funktion zu tun, oft genug mit Vorstellungen, die dem Kino oder der Werbung entlehnt sind und nach kurzer Zeit verworfen werden wie das bei offenen Kaminen der Fall war. Investiert wird bei diesem Immer-etwas-zuviel weniger in Wohnen als in eine wie immer geartete Häuslichkeit, in Beziehungsbilder, die längst brüchig geworden sind. Auffallend auch die vielen Hecken, hinter denen sich Österreicher verbarrikadieren.

Man fahre einmal durch Österreich und suche nach einem Gasthaus, in dem sich halbwegs gut essen lässt. Man wird nur selten fündig, mag auch ständig von „Genussland“ oder „Genussregion“ die Rede sein. Üblicherweise kriegt man einen vorgefertigten Fraß vorgesetzt, was oft genug durch ein aufgelegtes Rosmarienzweiglein oder dergleichen getarnt wird. Man wird mit Saukost abgespeist, weshalb sich ohne Übertreibung sagen lässt, im Land der Saukostler, ja der Saukostler zu leben. Es ist nur konsequent, wählen Saukostler die FPÖ, ist doch die FPÖ die Partei der Saukostler, die Partei des schlechten Geschmacks, wenngleich eine Schnittmenge mit jenen, die immer noch der NSDAP nachtrauern, nicht zu übersehen ist, was nicht heißt, diese hätten einen feineren Geschmack.

Meinungsumfragen und Politkommentatoren wollen uns weis machen, die FPÖ verdanke ihren Erfolg dem Umstand, konsequent auf das Thema Migration gesetzt zu haben. Nein, Saukostler wählen den schlechten Geschmack, das industriell vorgefertigte Schnitzel aus der Mikrowelle, die „heimische Küche“, die es gegen Zuzügler zu verteidigen gilt: „Jedes Kind soll in den Genuss eines Schnitzels kommen.“ Dabei wird vergessen, dass die heimische Küche nie besonders fein entwickelt war und wenn sie manche Köstlichkeiten ihr eigen nennt, dann verdankten sich diese nicht selten Fremdeinträgen, böhmischen Dienstmädchen, Italienern oder Türken. Gibt es zum Schnitzel einen Kartoffelsalat, dann wurde er bestimmt aus einem Plastikkübel, der mich an einen Saukübel denken lässt, geschöpft.

In der österreichischen Literatur, die sich aus verständlichen Gründen gegen eine verkorkste Heimattümelei wandte, bildet das Sauschlachten einen wichtigen Topos. Man denke an Peter Turrini und andere, die oft genug als schmarotzende „Staatskünstler“ oder ähnliches diffamiert wurden. Heute, also fünf Jahrzehnte später, angesichts einer nicht weniger fragwürdigen Heimattümelei, angesichts einer allumfassenden massentauglichen Abfütterung in allen Bereichen des Konsums wie weiten Teilen der Medien, was oft genug an Saukost denken lässt, soll hier das Sauschlachten anderes betrachtet werden, was keinesfalls mit einer Sehnsucht nach einer engen und von Armut geprägten Welt verwechselt werden darf.

Um eines vorwegzunehmen: Ich hätte nicht das Geringste gegen eine Schlachtsuppe, nichts gegen Blutwürste, gäbe es solches noch. Solches kann es aber nicht mehr geben. Blutwürste verdankten sich einem komplexen Zusammenspiel, das sich heute nicht mehr organisieren lässt. Einer musste das Schwein stechen, ein anderer einen Kübel unter die klaffende Wunde halten und das Blut auffangen, den Kübel rühren, um das Stocken des Blutes zu verhindern, jemand musste die Dickdärme ausstreichen, umstülpen und in vielen Wassern reinigen, während wieder jemand für ein ordentliches Feuer im Herd zu sorgen, Pfannen und Töpfe überzustellen hatte, auch musste jemand, war das Blut im Schmalz erhitzt und abgeschmeckt (Majoran und Muskatnuss seien nicht vergessen), den Darm aufhalten, damit ein anderer ihn abfüllen und mit einem Spagat abbinden konnte, wobei es sich bei dem, der den Darm aufhielt, um jenen oder jene handeln konnte, der oder die den Kübel rührte, was oft zum Aufgabenbereich von Kindern zählte. Das hier nur grob angedeutete Zusammenspiel mag eine vage Vorstellung von der Komplexität eines solchen Geschehens geben. Nicht zuletzt seien jene nicht vergessen, die mehr im Weg standen als Hand anlegten, Kinder, die neugierig zusahen, oder Hunde, die hofften, endlich würde auch für sie etwas abfallen. Womöglich werden Sie jetzt einwenden, Blutwürste, auch als „Blunzn“ bekannt, gäbe es immer noch. Mag sein, aber mit den einstigen Blutwürsten, die je nach Region unterschiedliche Rezepturen kannten, haben diese nicht mehr viel gemein. Wurde in meiner Kindheit eine eben gebrühte Blutwurst angeschnitten, dann zeigte sich eine glatte, glänzende Schnittfläche, während bei den heute erhältlichen Blutwürsten eine krümelige Masse, zumeist angereichert mit Fettbrocken und dergleichen, zutage tritt. Ginge es nur um glatt oder krümelig, dann wäre es einfach. Doch die Sache ist komplizierter. Blutwürste zählten zum Schlachtessen, wurden gleich nach ihrer Zubereitung aufgetragen, verständlich, musste doch Blut, da rasch verderblich, unmittelbar verarbeitet werden. Zum anderen ging es auch um die symbolische Bedeutung des Blutes, war doch ein Tier getötet, Blut vergossen worden. All die damit verbundenen Vorstellungen sind uns fremd geworden, vor allem die eines Totenmahls, das zwar nicht nur, aber vor allem dem abgestochenen Schwein galt. Es wurde nicht einfach verzehrt, galt es doch im Verzehr ein Schuld abzutragen. Wurde eine frisch gebrühte Blutwurst auf einen Holzteller gelegt und angeschnitten, dann kam dies einem rituellen Akt gleich, in dem der zumeist betrunkene Metzger, das ausgenommene Schwein hing inzwischen an der Decke eines kühlen Vorraums, am Tisch einen Ehrenplatz einnahm. Die kleinen Bauern wussten noch um die enge Verbindung von Verzehr und Tod.

Unser diesbezügliches Unverständnis lässt mich an Joe Biden denken, der sich den Verbleib seines im Zweiten Weltkrieg über Papua-Neuguinea abgeschossenen und nie gefundenen Onkels nur erklären konnte, dieser werde wohl von Kannibalen verzehrt worden sein, worauf James Marape, Regierungschef von Papua-Neuguinea und mit solchen Dingen noch besser vertraut, nur antworten konnte, niemals hätte man einen vom Himmel Gestürzten verzehrt. Dessen kann man sich sicher sein, war doch die Kopfjagd in einem hohen Maß rituell organisiert wie sie auch nur als Tauschakt Sinn machte. Ähnliches lässt sich auch für einstige Schlachtessen sagen, musste doch bei einem solchen das Schwein gelobt, zumindest an dieses erinnert werden, freilich nicht in so üppigen Worten wie dies bei den Kopfjagdriten der Puyuma von Katipol der Fall war, wo vor dem Verzehr des Fleisches der Getötete mit folgenden Worten angesprochen werden konnte: „Freund, ich will jetzt essen, lasst uns speisen. Hiermit gebe ich dir im Voraus zu essen; dann esse ich selber. Dies gebe ich dir zuerst, um dich zu speisen, (dich) der du mich gerne hast. Denn warum sonst bist du zu mir gekommen und bist du mir begegnet, wenn du mich nicht gerne hättest. Da wir nun Freunde sind, gebe ich dir zu essen. Hast du mich etwa nicht gerne? So speise ich dich mit Hirse und Wein; das ist unsere Speise und unser Trank.“

Selbst ein Schwein konnte man nicht so einfach töten und verzehren, obwohl es einzig gefüttert wurde, um geschlachtet und verzehrt zu werden. Es musste einen Grund liefern, auf irgend eine Art und Weise böse geworden sein, wobei „bös“ ein breites Assoziationsfeld kannte, das von vermeintlichen oder tatsächlichen körperlichen Auffälligkeiten bis zu Verhaltenseigenschaften reichen konnte, also zwischen krank („tut nicht recht“, nimmt nicht mehr zu“ etc.) und böswillig changieren konnte. In solchen Vorstellungen hatte sich das Tier selbst in seine Tötung zu fügen, mochte die tatsächliche Praxis, die ausgesprochene Grobheiten kannte, dem noch so sehr entgegenstehen. Mensch und Tier standen in einem wechselseitigen Gefüge, was bereits Saukost, Saukübel und Saustande deutlich machen, nährten sich Schweine damals nicht zuletzt von dem, was wie Kartoffelschalen, Gemüsereste und dergleichen vom Tisch abfiel, bis zur Einführung von Jauchengruben und der Kanalisation auch von menschlichen Ausscheidungen. Konsequenterweise landeten sie selbst auf dem Tisch.

Bei Schlachtessen ging es freilich nicht nur um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, sondern auch um menschliche Beziehungsgeflechte, die im gemeinschaftlichen Mahl ihren deutlichsten Ausdruck fanden. Darüber hinaus mussten weitere mit Teilen des geschlachteten Tieres bedacht werden. Wie sich gut denken lässt, schickte man dem Pfarrer ein schönes Bratenstück, während sich eine ärmlich lebende Nachbarin mit einer übrig gebliebenen Blutwurst begnügen musste. All das hatte offene Rechnungen und somit weitere Tauschakte zur Folge, wobei eine weitergereichte Blutwurst keineswegs mit einer Blutwurst beantwortet werden musste. Wer eine solche erhielt, konnte sich dadurch kenntlich zeigen, dass er bei einem Todesfall einige Stunden der nächtlichen Totenwache übernahm. Natürlich wäre niemand auf den Gedanken gekommen, er mache dies wegen des Fleischstückes aus dem vorigen Jahr, wobei solche Gaben in der Regel nicht einer Person, sondern einer Familie galten. Das geschlachtete Tier wurde nicht nur zerteilt, sondern geteilt. All das wies weit über das hinaus, was wir heute unter Nahrung verstehen.

Schlachtessen mit ihren Blutwürsten waren Ausdruck subsistenzwirtschaftlicher Lebensorganisation. Mit dem Niedergang der Subsistenzwirtschaft haben sie ihre Funktion verloren. Nicht zuletzt sind sie Hygienebestimmungen zum Opfer gefallen, was keinesfalls bedeutet, gekachelte und somit leicht zu reinigende Wände, Kopfhauben und Plastikhandschuhe, Kühlketten und dergleichen hätten Saukübeleien entgegengewirkt, wobei ich annehme, dass Sie als aufmerksame Leserin, als aufmerksamer Leser zwischen „Saukübeleien“ und „Saukostlern“ zu unterscheiden wissen.

In der Tradition solcher Schlachtessen standen sogenannte Schlachtpartien. Zwar wurde Schweinernes eines kurz zuvor getöteten Schweines verzehrt, aber mit einer wie immer gearteten Saukostlerei hatte all das nicht das Geringste zu tun, mochte in früheren Zeiten auch mancher NSDAPler beteiligt gewesen sein, so wie der Wirt des „Edelweiß“, einstiger Ortsgruppenleiter und späterer ÖVP-Bürgermeister. Da ließ sich noch nicht von Saukostlern reden, mochte das Saukostige bereits Bahn gebrochen haben, was etwa seinen Ausdruck darin fand, dass Frieda, die kinderlose Gattin des früheren Ortsgruppenleiters und späteren ÖVP-Bürgermeisters sich angesichts der sich zunehmend deutlicher abzeichnenden Saukübeleien dem Suff ergab. Es braucht nicht viel Vorstellungsvermögen, sich in Frieda, die ja sagen musste, wenn sie nein meinte, die sich oft genug, wurden ihr im „Edelweiß“ Hintern oder Brüste betatscht, von einer Hand befreien musste, hineinzudenken. Am Ende war sie gezeichnet. Ausgehend von den Mundwinkeln um das Kinn war ein roter Kreis zu sehen, so als hätte sie es sich angewöhnt, ein Weinglas gegen ihr Gesicht zu drücken, um sich selbst zum Schweigen zu bringen.

ein dürres mädchen aus dem graben,
sprachlos aufgewachsen,
in einem dunklen, nach moder riechendem haus,
über dem der wind
die äste turmhoher bäume
zusammenschlagen lässt.
dichtbelaubte bäume.
versetzt von einem,
hofft es auf einen andern,
einen burschen
mit feistem fleischergesicht,
armen, mit denen sich
ein stier erwürgen ließe.
wo sich lieben?
die frage stellt sich nicht:
„hoid dei goschn.
daschlogd di ana,
er wird dei goschn a daschlogn miassn.
sunst redst no hinig weida ...“

Notiert am 2.10.2012 in einem Gasthaus in Groß Gerungs, dessen Namen verschweigend, zumal an den Kartoffelknödeln nicht das Geringste auszusetzen war und ein Wirtshaus seine Gäste nicht aussuchen kann. Aber wie dem Mädchen aus dem Graben im Gasthaus … muss es auch Frieda im „Edelweiß“ ergangen sein. Versetze ich mich in Frieda und stelle mir vor, wen sie, lebte sie noch, nun wählen würde, gewiss würde sie ihr Herz den Sauküblern hinwerfen, so als würden deren Saukübeleien sie von all den früher erlebten Saukübeleien befreien. Dabei haben wir es mit einem bekannten Phänomen zu tun, was sich bei Frantz Fanon und anderen nachlesen lässt.

Für seine Schlachtpartien war das „Edelweiß“ noch in den 1960er Jahren über das Dorf hinaus bekannt. Damals wurden die Schweine noch im Freien geschlachtet. Wo hätte es auch genügend Platz gegeben, um den Zuber aufzustellen, in dem ein oder zwei Schweine zum Entborsten gebrüht werden hätten können? Ein exaktes Timing war mitzudenken wie in einem Theater, in dem der Vorhang auch erst in dem Augenblick geöffnet werden darf, hat sich das Theater gefüllt, sind die Besucher zur Ruhe gekommen. Da etwa um 20:00 die Blutwürste aufgetragen wurden, musste die Schlachtung spätestens um etwa 18:00 stattfinden. Ich schreibe 20:00. Das ist nicht ganz zutreffend, mochten die Blutwürste auch tatsächlich um 20:00 aufgetragen worden sein. Man schaute noch nicht auf die Uhr am Armgelenk. Es herrschten noch andere Vorstellungen von Zeit, es wurden andere Zeitrechnungen angestellt. Statt 20:00 müsste es heißen, eine Stunde nach erledigter Stallarbeit. Schlachtpartien fielen in der Herbst. Es war also bereits dunkel und es gab an Abenden nur noch wenig zu tun. Hatte man sich nach der Stallarbeit etwas zurecht gemacht, konnte man sicher sein, sich genau in jenem Augenblick im „Edelweiß“ an einen Tisch zu setzen, in dem die dort herrschende Geschäftigkeit wie die aus der Küche strömenden Gerüche keinen Zweifel daran ließen, dass es nicht mehr lange bis zum Auftragen der Blutwürste, zu denen Salzkartoffeln, Sauerkraut, nicht zuletzt Apfelmus gereicht wurde, dauern konnte. Musste man sich doch noch etwas gedulden, so ließ sich die kurze Zeit mit einem Glas Most überbrücken. An solchen Abenden gab es auch Nieren- wie Lebergerichte, keinesfalls Schweinsbraten, schon gar nicht Sauschwänze, mussten diese doch erst gepökelt und geräuchert werden. Das oben über das Schlachtessen gesagte, hatte sich hier noch in Resten erhalten, zumal eine Schlachtpartie ein gesellschaftlicher Anlass war. Mochte das Essen von noch so großer Bedeutung gewesen sein, man nahm an solchen Schlachtpartien auch aus anderen Gründen teil. Da ließ sich dies und das verhandeln. Und wo ließe sich etwas besser verhandeln als beim gemeinschaftlichen Verzehr eines eben getöteten Tieres?

Da hatte noch alles seine Ordnung wie man denn auch mit den übelsten Säufern umzugehen wusste. Mochte einer noch so ausfällig sein, sich gar vor dem „Edelweiß“ erbrechen, anderntags hatte er wieder mit den von ihm Beflegelten zu tun. Hatte er Probleme mit einer kalbenden Kuh, wo hätte er schon hinlaufen können, wenn nicht zu seinen Nachbarn. Und ähnliches gilt auch für alle anderen Unglücksfälle. Nach ausgeschlafenem Rausch durfte man sich also nicht in weiteren Saukübeleien ergehen.

Für das, was ich hier ausgehend von Blutwürsten über den öffentlichen Raum, über das Zusammenwirken von Futterneidischen schreibe, finden sich in der Literaturgeschichte zahllose Belege. Man denke etwa an Adalbert Stifters „Scheibenschießen in Pirling“, mögen wir es hier statt eines Schweines mit einem herausgeputzten Bock zu tun haben, den der als Siegespreis erhält, der beim Scheibenschießen am besten abgeschnitten hat. Lässt man Stifters recht ermüdende Natur- und Landschaftsschilderungen wie die Liebesgeschichte außer acht, dann findet man all das durchbuchstabiert, was einst den öffentlichen Raum ausmachte. Zum einen sind so gut wie alle am beschriebenen gesellschaftlichen Spektakel beteiligt, mögen die einzelnen Gruppen auch klar voneinander geschieden sein. So haben etwa Frauen und Kinder im Schießstand nichts zu suchen. Gleichzeitig sind die damit verbundenen Trennlinien alles andere als stabil. Frauen schießen zwar nicht, ihnen kommen wiederum anderen Funktionen zu, ohne die das Scheibenschießen in der beschriebenen Form nicht geschehen könnte. Die Buben, die abends stolz das Gewehr ihrer Väter nach Hause tragen, werden die künftigen Schützen sein, an die Stelle ihrer Väter treten, die es dann, alt geworden, vorziehen werden, sich statt am Scheibenschießen teilzunehmen auf eine Bank vor dem Haus zu setzen. Es nehmen nicht nur alle teil, im Scheibenschießen werden bestehende Rangunterschiede relativiert, kann doch auch einer Sieger sein, der nur halb so viele Kühe wie ein anderer hat. Denkbare und gewiss vorhandene Feindseligkeiten werden in dem von allen anerkannten Reglement gebunden. Man muss nicht aufeinander schießen wie denn auch der herausgeputzte Bock – Stifter erwähnt nicht, was mit ihm geschehen wird – unschwer als Sündenbock zu denken ist und in der Tradition des Opfers steht, weshalb ihm eine symbolische Funktion zukommt.

Beim Pirlinger Scheibenschießen muss es üppig zugegangen sein wie auch anzunehmen ist, dass manch einer spät abends ziemlich betrunken nach Hause getorkelt ist. Aber mit einer Bierzeltstimmung hatte all das wenig gemein. Heutige Bierzelte leben dagegen vom Ausschluss, ihre saukostlerischen Reden richten sich gegen solche, die gerade nicht anwesend sind, gegen die da unten und die da oben, wobei die einen wie die anderen als parasitär gescholten werden. In einer solchen Bierzeltstimmung lässt sich in Ermangelung von Gegenreden richtig saukübeln, wobei die Zustimmenden dazu neigen, das für wahr zu halten, was besonders laut, besonders schrill herausgesaukübelt wird. Und es scheint, als hätten sie alle das Bedürfnis, sich in den Bottich, in die Saustande zu stürzten, um ihr Ich aufzugeben, aufzugehen in einem einzigen Körper, belohnt zu werden durch viele, viele bunte Smarties. Das Bild des Bottichs verdankt sich Maichail Prischwin und findet sich vielfach in seinen Tagebüchern. Dass Prischwin gegen einen totalitäter Marxismus anschrieb, wir es heute dagegen mit einer rechten Bottichstürzerei zu tun haben, ist ohne Bedeutung, haben wir es doch da wie dort mit der Vorstellung zu tun, die Welt würde heil, würden diese oder jene zum Verschwinden gebracht. Auffallenderweise spielt bei heutigen Wahlen nicht nur die Stimmung eine entscheidende Rolle. Die wenigsten denken sich in ihrer Wahlentscheidung als Teil einer Gesellschaft mit ihren divergierenden Interessen. Die entsprechende Haltung ist: die anderen sollte es nicht geben. Die stimmenstärkste Partei kann sich gebärden, als gebe es die anderen nicht, als vertrete sie „das Volk“, „die Mehrheit“, obwohl dies alles andere als der Fall ist.

Wirkliche Saukübeleien konnten erst dann richtig einsetzen, als es möglich wurde, statt Tisch Stuhl zu sagen, statt Apfel Birne, als die Gesellschaft sich subkulturell aufzufächern und sich heutigen Produktionsrealitäten entsprechend auf allen Ebenen zu entmischen begann. Löst sich das Gemeinschaftliche auf, zerfällt der öffentliche Raum mit all seinen Regulativen, dann droht wie im Grimmschen Märchen „Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben“ eine Kettenreaktion, die sich nicht mehr stoppen lässt. Im Märchen stirbt nicht nur das Kind, welches Schwein spielen muss. In einer absurden Kettenreaktion folgt ein Tod dem anderen. Die Mutter, die gerade ihr jüngstes Kind badet, läuft aus dem Haus, als sie das Geschrei hört. Sie sieht das Unglück, zieht das Messer aus dem Hals des getroffenen Kindes und sticht es dem tief ins Herz, welches Metzger gespielt hat. In der Zwischenzeit ertrinkt das jüngste Kind im Bad. In ihrer Verzweiflung erhängt sich die Frau. Der heimkehrende Mann stirbt aus Gram. Musste früher einer, der sich stockbetrunken in übelsten Saukübeleien erging, sich anderntags der Normalität stellen, mit den von ihm übelst Beschumpfenen seinen Frieden finden, so haben wir es heute mit Saukübeleien zu tun, die kein Ende mehr finden, hallen doch aus den Echoräumen all der Schattenwände zahllose Bestätigungen zurück. Pyramidenförmig sich auftürmende Saukübeleien sind an der Tagesordnung, wobei die, die da beschämen, gar nicht mehr merken, dass sie sich selbst schämen müssten. Ist jedes Schamgefühl einmal abgeschafft, wird die ganze Welt zum Bierzelt, dem genau das abhanden gekommen ist, was ein Schlachtessen oder eine Schlachtpartie noch ausmachte. Da ist nicht länger zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden, lässt sich Bösartigkeit wie sie saukübelischen Reden eigen ist, als Mut verkaufen. Da traue sich einer was! Spreche die Wahrheit! Ohne Echoräume all der Schattenwände, es gäbe es ihn nicht. Angesichts wuchernder Bierzelte tut man gut daran, sich Gedanken über Schlachtpartien und Blutwürste zu machen, was freilich nicht der Fall sein wird, verdrückt der Wahlwerbende ein Würstchen vor einem Würstelstand.

gut schmeckt die wurst,
sagt der bundespräsident.
darf’s noch eine sein?
ich sag nicht nein.
mehr würste braucht das land.
die haut, was soll’s,
den inhalt frisst der magen.
mehr würste braucht das land
zu meinem wohlbehagen.

Wortschwallartig kommt es aus den Mündern heutiger Saukostlern, wobei der obszöne Gebrauch der Sprache nicht zu übersehen ist. Wir haben es mit einem Erbrechen, das andere beschmutzen und bekleckern soll, zu tun. Natürlich ist all das viel komplizierter als ich es hier schreibe, kann doch selbst das Bemühen, ganz sauber zu werden, als Verschmutzung erfahren werden, was mir an einem Wahlabend des Jahres 2013, ich saß in Weitra in einem Dorfgasthaus, erstmals bewusst wurde. Neben mir zwei etwa dreißigjährige Frauen, die sich für die Hochrechnungen, die über den Bildschirm liefen, nicht im mindesten zu interessieren schienen.

okrotzn konnst es net
owoschn konnst es net
i hob mi gfielt
wia a uhu
i hob mi schminkn lossn
in mistelboch
mei gsicht hot gsponnt
sechzehn schichtn
hobans ma auftrogn
und mei freind hot gsogt
du siagst aus wir a huar

Es würde hier zu weit führen, über die Ursachen schlechten Geschmacks, die Ursachen von Saukostlereien, die Anfälligkeit für Stimmungen, Ressentiments und einfachste Lösungen, über die Verwechslung von Wünschen mit Bedürfnissen wie dergleichen zu schreiben, nicht zuletzt über die Notwendigkeit, sich mit den Befindlichkeiten und Ängsten vieler Menschen zu beschäftigen, ist doch klar, dass Migranten, Asylanten etc. zumeist der Chiffrierung anderer oft mit Scham besetzter und deshalb nicht artikulierbarer Nöte dienen. Das wusste bereits Simone Weil, die 1936 notierte: „Wenn unglückliche Menschen klagen, klagen sie fast immer über etwas Falsches, ohne ihr eigentliches Unglück zu erwähnen; im Fall tiefen und permanenten Unglücks hält sie außerdem eine starke Scham vom Klagen ab. So schafft jeder unglückliche Zustand unter den Menschen eine Zone des Schweigens, in der jeder wie auf einer Insel eingeschlossen ist.“ So betrachtet ist das Gegröle des Bierzelts Ausdruck einer großen Sprachlosigkeit.

Ist von „Volk“ die Rede, dann werden zwangsläufig viele ausgeschlossen. Etwas anderes ist es, spricht man von „Gesellschaft“, wird mit diesem Begriff doch anerkannt, dass sich eine solche aus sehr verschiedenen Menschen zusammensetzt, politisches Denken und Handeln, so mühsam dies sein mag, dem Ausgleich divergierender Interessen zu dienen hat. Auffallenderweise reflektiert sich in der Rede vom „Volk“ jene Entmischung, die kapitalistischen Produktionsprozessen eigen ist, ein Paradoxon, das so gut wie allen heutigen Identitätsbehauptungen eigen ist. Im Stadtteil, in dem ich wohne, lässt sich trotz des hohen Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund ganz gut leben. Schwerwiegende Auseinandersetzungen sind trotz der hoher Wohndichte, vieler Nachtlokale wie mehrerer Einrichtungen, die sich um Wohnungslose oder andere Gestrandete kümmern, selten. Als Innenminister tönte Kickl noch, die Gegend, in der ich lebe, sei eine der gefährlichsten in Österreich. Die FPÖ kam hier nun gerade einmal auf 16,9 Prozent. Eine Durchmischung hat also durchwegs auch seine guten Seiten.

Meinen Tag beginne ich in der Regel damit, dass ich mich in ein Café setze und den Standard lese. In diesem Café bildet sich der Stadtteil gleichsam im Kleinen ab. Besserverdienende können neben Menschen aus unteren Einkommensschichten sitzen, Stammgäste neben Besuchern, die es zufällig in dieses Café verschlagen hat, Psychoanalytiker neben Straßenkehrern, junge Studierende neben älteren Menschen. Auch sind unterschiedliche Sprachen zu hören. Nicht selten kommen hier Menschen, die sich nicht kennen, in ein Gespräch, und sei es, dass jemand einem anderen Gast einen Teil der Zeitung überlässt, die er gerade am Lesen ist. Es versteht sich von selbst, dass in so einem Lokal nie eine Bierzeltstimmung zu bemerken ist, saukostlerische Reden so gut wie nie zu hören sind. Es gibt kein Zurück in eine tauschbasierte Gesellschaft, wohl aber sind Räume möglich, die einer doch recht bunt zusammengewürfelten Gesellschaft gerecht werden. Das ließe sich auf die Politik übertragen.

© Bernhard Kathan 2024

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